Professor Theede spielt Klavier!

Professor Theede spielt an seinem Konzertflügel in einem ehrenwerten Haus zu Hamburg. Altbau, Stuckdecken, Dielenböden, schöne Bäume vor dem Fenster. Das Inventar duftet nach dem Interesse an und der Liebe zur Kunst seit Generationen, der Professor hingegen sieht fast schon wie ein Hipster aus. Doch er schüttelt mit dem Kopf und grinst, „über den Bart habe ich schon etwas länger nachgedacht, lange Haare habe ich bereits hinter mir.“ Salopp und leger sitzt Michael Theede auf einem antiquarischen Stuhl und nippt am Kaffee.

Man hätte die Geschichte auch ganz anders beginnen können. Etwa als die eines echten Wunderkindes. 1975 als Sohn einer Arztfamilie in Flensburg geboren, mit fünf Jahren schon am Klavier gesessen, klassische Pianisten-Ausbildung, mehrfacher 1. Preisträger bei „Jugend musiziert“. Bereits als Kind versuchte Michael Theede daheim die Musik der damals angesagten Kinderserien wie Flipper, Kapitän Future oder Wickle auf dem Klavier nachzuspielen. Einfach so. Oder Volkslieder. Oder Musik, zu der wir im Sportunterricht tanzen sollten. Das war oft in ganz anderen Besetzungen, aber ich versuchte dann, den Gesamteindruck auf dem Klavier nachzuspielen.“ Mit elf kam er mit dem Jazz in Berührung und spielte seitdem in einer Bigband. Tagsüber habe er bei seinem Professor Beethoven-Sonaten auseinandergenommen, abends spielte er mit inzwischen eigener Combo Funk, Soul und Jazz. Mit einem breiten Grinsen begeistert er sich „ich bin musikalisch gesehen immer mehrgleisig gefahren. Immer schon habe ich mich für die Musik berühmter Kinofilme begeistert. Oft sind es nur einzelne Songs oder Melodien, die mich bei einem Film beeindrucken und die ich dann auf dem Klavier nachspiele.“

Beim Blick auf seinen Berufsweg allerdings stößt man auf einen fast schon pikanten Gegensatz, denn Theede arbeitet als studierter wie auch promovierter Medien-Manager an mittlerweile diversen Hochschulen. Als Dozent für Kultur- und Medienmanagement mit Schwerpunkt Musikmanagement wirkt er an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, sein Buch „Management und Marketing von Konzerthäusern“ ist die erste wissenschaftliche Buchveröffentlichung zu diesem Thema. Er gehört außerdem dem Scientific Board der International Association of Music Business Research und dem Editorial Board des International Journal of Music Business Research an, ist Prüfungskommissionsmitglied des ICoM Masters of Performing Arts am International College of Music Hamburg sowie Gastdozent für Musikmanagement an verschiedenen nationalen und internationalen Hochschulen und Universitäten. Und seit 2013 ist Theede zudem Professor für Musikmanagement an der Hamburger Hochschule Macromedia.

Aber dennoch: Er ist und bleibt Musiker, und nun kommt eine neue Strecke ins Spiel, die noch niemand vor ihm befahren und deren Gleise er selbst verlegt hat. Hier tritt jetzt ein Musiker ins Geschehen, der leider kürzlich verstarb und seine Konzerte verlässlich im Bademantel beendete. Denn Theede interpretiert das Schaffen Udo Jürgens’, mutterseelenallein am Klavier und ohne Mikrofon. „2012 hatte ich plötzlich die Idee einer musikalischen Hommage an Udo Jürgens als Komponist – nicht als Entertainer“, sagt Theede, „bei der ich den Gesamthöreindruck des Originals mit allem drum und dran auf das Klavier übertrage.“ Sein Ziel sei es, Jürgens’ Musik auf international höchstem pianistischem Niveau zu interpretieren „und seine kompositorische Vielfalt zu vermitteln: Neben Welthits auch unbekanntere, komplexere und symphonische Kompositionen aus genau fünf Jahrzehnten – von 1964 bis 2014. Denn ich finde, dass er nicht nur ein großartiger Entertainer war, sondern auch ein herausragender und vor allem sehr vielseitiger Komponist, der ein unglaublich gutes Gespür für das Komponieren fantastischer Melodien mit wunderbarer Harmonik hatte.“ Neu an der Idee sei vor allem, dass ein klassischer Konzertpianist versuche etwas zu spielen, das aus dem Bereich der Unterhaltungsmusik komme. „Und das alleine, ohne Bigband und vor allem auch ohne zu singen. Ich versuche also nicht mehr und nicht weniger, als den Gesamteindruck seiner Stücke nur mittels des Klaviers darzustellen. Ohne dabei zu improvisieren.“ Das habe sich über lange Zeit als Plan entwickelt, der auch damit zusammenhänge, „dass ich tatsächlich über ein absolutes Gehör verfüge. Meine Konzerte sollen überraschen, weil man solch eine Musik in dieser Besetzung und im Format eines klassischen Klavierabends niemals erwartet hätte.“


Das glaubt sofort, wer Theede ohne Notenblatt am Klavier erlebt. Von den insgesamt über 1000 Jürgens-Stücken kann er über 100, notfalls auf Zuruf, dort spielen, und sein Repertoire reicht von den Gassenhauern bis zu weithin unbekannten Stücken, die manchmal symphonische Formate beinahe füllen. Das wirklich Bemerkenswerte für den Hörer ist, dass Theede sich mittels der Reduktion auf 88 Tasten nicht etwa fortbewegt aus dem Jürgens-Universum, sondern dasselbe eher verdichtet, pointiert und ganz neu erlebbar macht: „Ich möchte seine Lieder aber nicht neu interpretieren, sondern beim Spielen der Musik so dicht wie irgend möglich am Original dranbleiben und damit dem Komponisten Udo Jürgens gerecht werden.“

Sein „Griechischer Wein“ besitzt in Theedes Version mehr Dynamik als das Original, Jürgens’ außergewöhnlichen kompositorischen Talenten wird der rote Teppich ausgerollt, und der begeisterte Zuhörer begibt sich auf eine eigenartig andere Reise in die so vertrauten Songs. “Irgendwann hält es das Publikum dann nicht mehr aus“, lächelt Theede, „und unterstützt mit beseeltem Gesang und Mitklatschaktionen. Zum Glück!“, sagt der Professor, „denn grundsätzlich finde ich ja eine Interaktion zwischen Künstler und Publikum sehr wünschenswert.“ Außerdem wolle er nicht missionarisch unterwegs sein, „ich mache Musik, weil’s mir Spaß bringt. Wobei ich mir meines Vorteils, als klassischer Pianist auf dem Klavier eigentlich alles auch tatsächlich spielen zu können, bewusst bin. Somit kann ich mich in der Musik Udo Jürgens’ halt auch frei bewegen.“

Sehr frei und fast wie auf einem Abenteuer-Spielplatz, möchte man sagen. Je länger man Michael Theede beim Klavierspielen zuhört, desto näher fühlt man sich den Liedern des Udo Jürgens. Der vermeintliche Verlust von Text und Arrangement verkehrt sich zum Gewinn, sogar das Humorige vieler Jürgens-Lieder wiegt ohne Worte plötzlich schwerer. „In manchen seiner Songs spürt man den Humor, ohne den Text zu hören“, sagt Pianist Theede, „manchmal erinnern sich die Hörer natürlich auch einfach an den Text, der hier eigentlich hingehört. Oft spricht aber auch seine Musik für sich.“ Die sei mal melancholisch, mal aber auch humorig und oft genug mindestens beides zugleich. Eine Ragtime-Melodie etwa deute auf Zweiteres hin, die überspitzte Mozart-Anleihe bei ’Aber bitte mit Sahne’ etwa sei solch ein Fall. „Das kann ich in der Moderation bildhaft vorbereiten und dann am Piano musikalisch erzählen.“ In der Vorbereitung auf dieses Konzertprogramm habe er sich immer wieder die Frage gestellt, inwieweit der Verzicht auf die Texte wohl zum Risiko werden könnte, „was macht genau dieser Umstand mit den Zuhörern?

Zum Glück hat sich in den bisherigen Konzerten gezeigt, dass dem nicht so ist.“ Der Professor lächelt. „Ich moderiere das gesamte Programm und gehe dabei auch immer auf die entsprechenden Textinhalte ein. Den Ausdruck, den Udo Jürgens mit seiner Stimme beim Singen dieser Texte verwendet hat, versuche ich dann auf dem Klavier klanglich darzustellen.“ Für ihn persönlich seien seine Jürgens-Konzerte sehr emotional. „Schon Udo Jürgens´ Musik ist etwas für die Seele. Das kann bei romantischen Themen wie Seelenbalsam wirken, bei politischen oder gesellschaftlichen Themen aber auch sehr dramatisch werden, aber auch witzig, vor allem dann, wenn es um den ganz normalen Wahnsinn des Alltags geht.“ Das alles durchlebe er als Interpret. „Dann kommt die starke emotionale Gesamtwirkung von Udo Jürgens´ Musik auf das Publikum hinzu. In den vergangenen Konzerten mit diesem Programm erlebte ich, was für tolle Erlebnisse und wunderbare Erinnerungen Konzertbesucher mit seiner Musik offensichtlich verbinden. Es war teilweise überwältigend, was ich von der Bühne aus zu sehen und zu hören bekam.“

Das Schwärmen haben wir uns jetzt mal fürs Finale aufgehoben und möchten uns trotzdem kurz fassen. Nach einem 20-minütigen Einblick in Professor Theedes Kunst der Udo Jürgens-Interpretation taucht man unweigerlich in diese Welt ein, ist fasziniert, wie sehr einen sein Spiel berührt. Wer einen Dichter, Spötter, Komponisten, Sänger und Entertainer allein am Klavier über sich hinauswachsen lassen kann, muss über mehr als eine solide Ausbildung, ein absolutes Gehör, einen guten Konzertflügel in einem schönen Hamburger Altbau und einen gepflegten Vollbart verfügen.

Hamburg: August 2016


Website: michael-theede.de